Die Gemeine Wegwarte (Cichorium intybus)
Dieses Mal steht eine Pflanze im Mittelpunkt, die einzeln oder in kleinen Gruppen an Straßen- und Wegrändern, an Hecken, Mauern, Bahndämmen, also bevorzugt auf eher trockenen, sonnigen, aber durchaus auch stickstoffreichen Standorten vorkommt. Auch hohe Salzkonzentrationen an Straßenrändern stören sie nicht wesentlich. Die Wegwarte ist eine zweijährige Pflanze, d.h. im ersten Jahr bildet sie nur eine bodennahe Rosette aus, um im zweiten Jahr stark verzweigt bis zu einer Höhe von 1,20 m zu wachsen und zwischen Juli und Oktober zu erblühen. Sie besitzt eine tiefreichende Pfahlwurzel.
Der deutsche Name Wegwarte weist auf den Standort der Pflanze hin. Der botanische Name Cichorium leitet sich aus den griechischen Wörtern für gehen und Feld ab, steht also mit der Art und Weise des Auftretens der Pflanze in Verbindung und entspricht dem deutschen Namen Wegwarte. Der Artname intybus bedeutet eingeschnitten und bezieht sich auf die Form der Grundblätter, die ein wenig an den Löwenzahn erinnern, und unteren Stängelblätter. Die oberen Stängelblätter haben eine länglich-lanzettliche Form, sind ohne Blattstiel und stehen wechselständig. Bei Verletzungen scheiden die Blätter Milchsaft aus.
Der Blütenstand der Wegwarte, die zur Familie der Korbblütler gehört, besteht aus vielen Einzelblüten. Dabei handelt es sich um sogenannte Zungenblüten, die am Ende in 5 Zipfel ausgezogen sind. Diese Einzelblüten sind zu 10 20 in einem Kreis angeordnet, so dass der Eindruck einer einzigen großen Blüte entsteht. Die 2 3 cm großen Blütenköpfe sitzen direkt auf dem Stängel, an den Astenden oder in Verzweigungen und sind nur selten kurz gestielt. Sie sind hellblau bis selten weißlich leuchtend gefärbt. Die auffälligen Blüten folgen dem Sonnenverlauf, breiten sich bei Sonnenschein aus und schließen sich bei schlechtem Wetter bzw. am Nachmittag. Die Bestäubung erfolgt durch Insekten, vor allem durch Bienen und Schwebfliegen.
Blüten, Blätter und insbesondere die Wurzeln der Wegwarte dienten schon im Altertum den Griechen und Römern als Heilpflanze und Gemüse. Sie diente als magenstärkender Salat, ihr Saft wurde gegen Augenleiden und Vergiftungen verwendet. Der Inhaltsstoff Inulin regt den Gallenfluss an und senkt den Harnsäurewert. Karl der Große soll in seiner Landgüterverordnung (Capitulare de villis, 812 n.Chr.) auch die Wegwarte als Nutzpflanze und Heilkraut eingefordert haben.
Aus der Wegwarte ging sowohl die Kaffee-Zichorie hervor, deren Anbau besonders Friedrich der Große förderte und die im 18. und 19. Jahrhundert die wirtschaftlich wichtigste Form der Zichorienkultur wurde. Die besonders auf Größe hin gezüchteten Wurzeln wurden nach Rösten und Mahlen insbesondere zu Kriegszeiten als Kaffee-Ersatz (sog. Muckefuck) verwendet. Aber auch die Salat-Zichorie, die unter dem Namen Chicorée bekannt ist und deren Wurzeln im Dunkeln angetrieben werden, damit sie bleiche, zarte Salatblätter hervorbringt, stammt von der Wegwarte ab.
Im germanischen Kulturkreis hat die Pflanze ursprünglich wahrscheinlich auch zu Heilzwecken gedient, wurde aber dann zu Zaubereien, besonders zur Herstellung von Zaubertränken, vor allem im Liebeszauber, verwendet. Noch heute soll sie dem Volksglauben nach, zumal wenn sie zu Mariä Himmelfahrt geweiht worden ist, stich- und hiebfest machen, Fesseln sprengen, Dornen und Nadeln aus Wunden entfernen und sogar einer Tarnkappe gleich - unsichtbar machen. Andere Mythen lauten dahingehend, dass eine Wegwarte unter dem Kopfkissen der Jungfrau im Traum den zukünftigen Ehemann erscheinen lässt. Wird die Pflanze am Peterstag mit einem Hirschgeweih ausgegraben, dann kann man einem anderen Aberglauben zufolge jede Person betören, die man damit berührt.
Nach einer Sage sind die Blüten der Wegwarte die blauen Augen eines verwandelten Burgfräuleins, das am Wege vergeblich auf die Rückkehr ihres Geliebten vom Kreuzzug in das Heilige Land wartet. Daraus ergeben sich einige der unzähligen volkstümlichen Namen, die sich auf die unterschiedlichsten Eigenschaften dieser Pflanze beziehen, z.B. Verwünschte Jungfrau oder Alte Magd. Die besondere Blütenfarbe und der Standort der hoch wachsenden Wegwarte war Anlass von diversen Benennungen (u.a. Hansl am Weg, Wegeleuchte, Blaue Distel). Da die Blütenköpfe sind sehr lichtempfindlich und sich immer nach der Sonne drehen, entstanden Namen wie Sonnenbraut, Sonnenwendel oder Sonnenwirbel. Auch die Faulheit der Blütenköpfe, die sich bereits nach einem halben Tag wieder schließen, war namensgebend: Faule Magd oder Faule Gretl.
Die Wegwarte wurde 2009 zur Blume des Jahres erklärt, um auf den gefährdeten Lebensraum der Spontanvegetation aufmerksam zu machen. Da es immer weniger unversiegelte Flächen v.a. auch in unseren Ortschaften gibt, finden die Wegwarte und weitere spezialisierte Arten immer weniger Platz zum Wachsen.
Bei uns gibt es die Wegwarte noch an vielen Stellen, so dass sie mit ihren leuchtenden blauen Blüten in den Sommermonaten ein echter Blickfang ist.
Link: Blume des Jahres 2009
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